Interview mit Prof. Dr. Ute Pinkert (Universität der Künste Berlin)

Prof  Dr  Ute Pinkert Foto Constanze Witt

Liebe Frau Prof. Pinkert, an der Fakultät Darstellende Kunst in den Studiengängen Theaterpädagogik und Lehramt Theater realisieren Sie derzeit mit Unterstützung der Vertical Stiftung eine Schnittstelle, die zwischen Theorie und Praxis vermittelt. Welche Themen und Bereiche möchten Sie zuerst angehen?

Ich sehe da vor allem zwei Bereiche: Der erste betrifft die zahlreichen Praxiskontakte unserer Studiengänge, die sehr anwendungsorientiert sind. Wir haben ja bereits eine große  Durchlässigkeit zwischen universitärer Lehre und theaterpädagogischen Projekten im Stadtraum: Zum Beispiel kommen Schüler*innen in die UdK und lernen in Workshops von den Studierenden, was diese selbst vorher in einem Seminar gelernt haben oder Studierende schwärmen in die Stadt aus und erarbeiten Theaterprojekte mit verschiedensten Menschen von Kindergartenkindern bis zu Senior*innen. Aber das alles zu organisieren und zu koordinieren wird immer aufwändiger. Die Schnittstellenposition (mit dem neuen Mitarbeiter Lukas Müller, Anm. d. Red.) wird hier tätig werden. Eines der ersten Vorhaben in diesem Bereich wird sein, die theaterpädagogischen Masterprojekte zu einem Festival zu bündeln. Wenn unsere Masterstudierenden ihre Projekte erarbeiten, sind sie bislang ziemlich allein und müssen sich ihre Aufführungsorte selber suchen. Wir wollen unsere Studierenden mehr unterstützen und eine größere Sichtbarkeit für die Masterprojekte erreichen. Deshalb soll es im kommenden Frühjahr ein Festival der Masterprojekte in einem Theater geben. Lukas Müller ist derzeit dabei, die nötigen Rahmenbedingungen für das erste Festival vorzubereiten, um es im Frühlingssemester gemeinsam mit den Studierenden zu planen und durchzuführen. Geplant sind nicht nur Aufführungen im Theaterraum, sondern auch Workshops und Aktionen im öffentlichen Raum – wir sind sehr gespannt.
Der andere Bereich ist der Kontakt zu den Absolventinnen und Absolventen. Wir haben so wunderbare Menschen, die wir hier an der UdK ausbilden dürfen, und oft haben wir es schon bedauert, dass wir es nicht schaffen, zu ihnen den Kontakt über das Studium hinaus zu halten. Dabei können wir für die Ausbildung viel von den Praxiserfahrungen der Absolvent*innen lernen, und umgekehrt hören wir immer wieder, dass unsere ehemaligen Studierenden gerne an die UdK zurückkommen wollen, um sich fachlich weiterzubilden. Mit der Schnittstellenposition haben wir nun die Chance, eine Alumni-Arbeit aufzubauen. Lukas Müller hat gerade die Ausschreibung für das erste Treffen mit den Absolvent*innen der letzten zehn Jahrgänge im Master Theaterpädagogik und dem Weiterbildungsstudiengang Darstellendes Spiel herausgeschickt. Wir wollen das Programm, das wir den Alumni zukünftig anbieten werden, gemeinsam mit ihnen entwickeln. 

Wie stellen Sie sich eine gute Theatervermittlung vor und was kann sie besonders in Bezug auf junge Menschen bewirken?

Es gibt an den Theatern sehr viele gute Vermittlungsangebote, hier hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Wichtig ist, dass mit den Angeboten verschiedene Menschen bzw. Gruppen angesprochen werden, und ganz besonders diejenigen, die nicht von selbst ins Theater gehen. Wir haben in unserer Gesellschaft eine sehr große Diversität an Interessen und Ressourcen, darauf angemessen zu reagieren ist nicht einfach. Eine gute Theatervermittlung ist für mich auch eine Kunst, da sie auf vielfältige Weise eine Beziehung zwischen dem Theaterereignis oder Theater und den Teilnehmenden herstellt und dafür meist auch performative Verfahren nutzt. Wichtig ist mir auch ein kritisches Verhältnis zum Theater als Institution.  Theatervermittlung ist nie einseitig und schon gar nicht mit einer Werbung von neuen Zuschauern zu verwechseln. Sie bildet vielmehr ein Sensorium für die Interessen und Erfahrungen von (potentiellen) Zuschauern. Und indem sie dieses Wissen an die Theatermacher*innen zurückspielt, trägt die Theatervermittlung mit dazu bei, dass sich die Theater verändern. 
Was Theatervermittlung bei jungen Menschen bewirken kann? Bescheiden würde ich sagen: Oft geht es überhaupt erst einmal um ein Interesse-Wecken für diese merkwürdig ‚altmodische‘ Kunstform, in der Menschen ganz real Menschen begegnen, und in der Geschichten erzählt werden, die dem eigenen Alltagserleben eine Art Tiefenschärfe geben. Aber natürlich geht da noch viel mehr: Projekte von Theatervermittlung können die Erfahrung von Selbstwirksamkeit ermöglichen, eine Neugier auf die Erforschung von aktuellen Themen wecken und besonders jungen Menschen Mut machen, sich zu zeigen und sich in dieser Gesellschaft zu engagieren. 

Welche Entwicklungen wünschen Sie sich im Bereich Theatervermittlung für die Zukunft?

Ich würde das gern erweitern und von der Theaterpädagogik insgesamt sprechen. Es freut mich sehr, dass sich unser Berufsfeld in den letzten Jahren so stark ausdifferenziert hat. Theaterpädagogische Ansätze finden sich nicht nur in der Theaterkunst und –vermittlung, sondern auch im Unterricht, in der (politischen) Bildungsarbeit, in der Gemeinwesenarbeit, in der Therapie usw. Ich wünsche mir, dass die Arbeit von Theaterpädagoginnen und –pädagogen mehr Anerkennung findet. Wenn Sie zum Beispiel das Projekt „Theater macht Schule“ nehmen: Hier arbeiten Theaterpädagog*innen gemeinsam mit den Lehrer*innen in den ersten sechs Wochen des neuen Schuljahres mit den siebenten Klassen eines Jahrgangs. Sie bilden aus den neu auf die Schule gekommenen Schüler*innen eine arbeitsfähige Gruppe bzw. Klasse, suchen nach den Interessen der Kinder für Aspekte eines Themas und erarbeiten mit ihnen die notwendigen theatralen Fähigkeiten, so dass in der Zeit auch eine vorzeigbare Präsentation entsteht… Wer die Schule von heute kennt, kann sich vorstellen, was das für eine Schwerstarbeit ist. 
Weiterhin wünsche ich mir, dass Theaterpädagog*innen selbstverständlicher in verschiedenen gesellschaftlichen Bereich einbezogen sind.  Über die Theatervermittlung als (beidseitige) Vermittlung zwischen Theater und Publikum haben wir ja schon gesprochen. Aber auch in den Schulen sollte es mehr Theaterpädagog*innen geben, die nicht nur mit den Kindern und Jugendlichen Theater machen (innerhalb und außerhalb des Schulfaches), sondern auch die Lehrer*innen unterstützen, ihren Unterricht anschaulicher und körperbetonter zu gestalten. Theaterpädagog*innen sollten z.B.  auch in den Städten und Gemeinden angestellt sein. Wichtig wäre hier, den lokalen Austausch von Geschichten (und damit Wissen) zu ermöglichen und über kleine Theaterfestivals eine Offenheit für künstlerische Erzählweisen und ein ‚fremdes‘ Wissen zu fördern. 

Vielen Dank für die interessanten Ausführungen!


Bild: Prof. Ute Pinkert fotografiert von Constanze Witt