Interview mit Prof. Dr. Lisa Herzog (Global Forum on Democratizing Work)

Lisa Herzog Foto Von Sylvia Germes

Die Vertical Stiftung unterstützt über die Humboldt Universität Berlin das Global Forum on Democratizing Work, das vom 5. bis 7. Oktober 2021 an vielen Standorten weltweit stattfindet. Eine der Initiator:innen ist die politische Philosophin Lisa Herzog, die an der Universität Groeningen lehrt und forscht. 

Liebe Frau Professorin Herzog, die Vertical Stiftung unterstützt das Global Forum on Democratizing Work, denn die Förderung von Demokratie ist ihr ein wichtiges Anliegen. Was sind die zentralen Ziele und Denkanstöße, die Sie und Ihre Kolleg:innen mit dem Forum geben möchten? 

Wir möchten die Diskussion weiterführen, die durch das „Democratizing Work“-Manifest im vergangenen Jahr angestoßen wurde (und die natürlich auch viele bestehende Debatten aufgreift). Dementsprechend ist das Forum anhand der drei Themenkreise des Manifests gegliedert: Die Demokratisierung, Dekommodifizierung, und Dekarbonisierung der Arbeitswelt. Wir haben ein breites Spektrum an Sprecher:innen aus der akademischen Welt und aus der Praxis eingeladen, die die Überzeugung teilen, dass die Arbeitswelt demokratischer und gerechter werden muss - um damit auch die politische Demokratie zu stärken. Das zeigen übrigens auch empirische Studien, zuletzt z.B. die Leipziger Autoritarismusstudie 2020 (Link) mit dem Konzept von „industrial citizenship“, das stark mit prodemokratischen Haltungen korreliert ist.

Können Arbeitgeber:innen mit der Förderung demokratischer Prozesse in ihren Unternehmen einen Beitrag zur Festigung von Demokratie auf gesellschaftspolitischer Ebene leisten?

Dazu kenne ich keine empirischen Studien; mein Eindruck aus verschiedenen Gesprächen und Debatten ist, dass in Deutschland, aufgrund des Mitbestimmungssystems, durchaus ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass die Gestaltung der Arbeitswelt und die gesellschaftspolitischen Fragen miteinander zusammenhängen.  Außerdem gibt es derzeit Bewegung aus einer ganz anderen Richtung: „agiles Arbeiten“ und andere Management-Konzepte unter dem Stichwort „New Work“ werden aus Effizienzgründen eingeführt, oder weil die Angestellten es einfordern. In diesen Zirkeln scheinen Fragen nach den weitergehenden gesellschaftspolitischen Konsequenzen nicht im Mittelpunkt zu stehen, und es gehen auch keine juristisch abgesicherten Rechte der Mitarbeitenden damit einher - die neuen Methoden können jederzeit wieder rückgängig gemacht werden. Aber sie geben Mitarbeitenden Werkzeuge in die Hand, wie sie Prozesse partizipativ und in selbstorganisierten Teams gestalten können, und befähigen sie damit, demokratisch zusammenzuarbeiten. 

Welche möglichen politischen Anreize könnten Demokratisierungsprozesse in Betrieben vorantreiben?

Wenn man davon ausgeht, dass demokratisch geführte Betriebe positive Folgen für die Gesellschaft als ganze haben, dann kann man das ökonomisch gesehen so formulieren, dass hier eine positive Externalität vorliegt. Aktivitäten mit positiven Externalitäten - von denen also Dritte oder die Gesellschaft als ganze profitieren, ohne dass sie sich für die Firma direkt in gesteigerten Gewinnen auszahlen - werden in Marktwirtschaften systematisch zu wenig angeboten. Die klassische ökonomische Antwort ist, dass sie subventioniert werden sollten, z.B. durch Steuervorteile. Eventuell könnte man auch darüber nachdenken, dass die Gründung eines Betriebsrats bei jungen Unternehmen von Anfang an eingefordert wird, z.B. von den Geldgeber:innen, die Startups unterstützen. Mein Eindruck ist aber, dass es auch noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten gibt, weil diese Themen noch nicht in der allgemeinen Debatte angekommen sind. Auch in der Ausbildung von zukünftigen Manager:innen kommt das Thema „Mitbestimmung“ in seiner ganzen gesellschaftlichen Bedeutung viel zu kurz. Als ich 2002-2007 in München Volkswirtschaftslehre studiert habe, kam es schlicht nicht vor, genau so wenig wie das Thema „Genossenschaften“, also von vornherein demokratisch angelegte Unternehmensformen - und das scheint sich an vielen Universitäten kaum geändert zu haben. 

Hat die Coronapandemie sich hinsichtlich einer Demokratisierung der Arbeitswelt eher als förderlich erwiesen, oder den Prozess zurückgeworfen? 

Ich sehe eine Reihe unterschiedlicher Effekte. Förderlich war wahrscheinlich, dass es ein stärkeres Bewusstsein der allgemeinen gegenseitigen Abhängigkeit von der Arbeit anderer gab, gerade auch von vielen Arbeitenden, die unter sehr schlechten Bedingungen leiden und sehr niedrige Löhne erhalten. Immer wieder tauchten Fragen auf, wie z.B.: „Wie kann es sein, dass eine Bankerin so viel mehr verdient als ein Erzieher, obwohl wir letzteren vielleicht sogar dringender brauchen?“ Wenn man die Frage nach Gerechtigkeit in der Arbeitswelt stellt, kommt man schnell auch zu Fragen nach Mitsprachemöglichkeiten und damit zur Demokratisierung. 
Ein zweiter Effekt war, dass klar wurde, dass viel mehr Home Office möglich ist, als man an vielen Stellen dachte - aber auch, dass das nicht unbedingt ein Segen ist, und dass Arbeit auch eine wichtige soziale Funktion hat. In Zukunft werden wir wahrscheinlich in vielen Betrieben und Organisationen neue Wege finden, Präsenzarbeit und Home Office zu verbinden, und das wirft ebenfalls Fragen danach auf, wer eigentlich das Sagen darüber hat, wer wann wo zu arbeiten hat. 
Hier liegt allerdings auch ein dritter, möglicherweise eher problematischer Aspekt. Manche Vorhersagen sprechen jetzt von einer massiven Reduktion von Präsenzarbeit, und das könnte - bei allen Vorteilen - auch Nachteile haben, z.B. weniger Gelegenheiten für den Aufbau von Vertrauen zwischen Kolleg:innen, was die Solidarität der Arbeitenden und damit ihre Position bei Interessenkonflikten mit den Arbeitgeber:innen schwächen könnte. Wir sollten nicht unterschätzen, welche Rolle der Arbeitsplatz für die soziale Integration bislang gespielt hat - wenn er sie in Zukunft weniger spielt, brauchen wir als Gesellschaft andere Orte und Räume, an denen Menschen sich begegnen können. 

Vielen Dank für das Gespräch!

 Foto: Sylvia Germes