Interview mit Christine Worch (Kulturistenhoch2)

Christine Worch Kulturistenhoch2 Von Michael Pasdzior Hamburger Spendenparlament

Seit Jahresbeginn 2020 unterstützt die Vertical Stiftung die Initiative Kulturistenhoch2 (KH2), die Christine Worch von der Stiftung Generationen-Zusammenhalt in Hamburg ins Leben gerufen hat. KH2 bringt Menschen im Rentenalter mit Oberstufenschüler*innen zusammen. Zu zweit besuchen sie ein kulturelles Event. Bei einem Konzert oder einem Kinobesuch lernen sich Personen kennen, die aufgrund ihres großen Altersunterschieds selten Berührungspunkte haben. Diese Begegnungen wirken für Jung und Alt verbindend, da jede*r Einblicke in die Lebenswelt des anderen erhält. Für ältere Menschen, deren Rente oftmals schmal ausfällt, ist die kulturelle Veranstaltung mit jugendlicher Begleitung eine willkommene Abwechslung und die Schülerinnen und Schüler profitieren davon, dass die ältere Generation Lebenserfahrung mit ihnen teilt. Nun fördert die Vertical Stiftung eine Personalstelle der gemeinnützigen Initiative, die Medienworkshops koordiniert. Die Workshops sollen die KH2-Tandems ermutigen, über ihre Begegnungen zu berichten.

 

Liebe Frau Worch, Ihre Initiative hat bei der Vertical Stiftung sofort Interesse geweckt, denn auf eine ganz einfache Weise verbindet sie Menschen, baut Brücken und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe im Alter. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Als ich 2013/14 für unseren heutigen Kooperationspartner, die Kultur-Teilhabe-Organisation KulturLeben Hamburg e.V. als Beraterin tätig war, bemerkten wir, dass ältere Menschen die angebotenen gespendeten Kulturkarten häufig ablehnen mussten. Weil sie alleine lebten, teilweise körperlich eingeschränkt waren, niemanden mehr hatten und deswegen dann nicht zum Veranstaltungsort gelangen konnten, sagten sie ein kostenloses schönes Angebot ab. Soziale und kulturelle Teilhabe war für diese Menschen damit unmöglich! Das wollte ich gemeinsam mit KulturLeben ändern. Die Idee war es, die Jugend einzubinden, weil die Folgen der alternden Gesellschaft uns alle angehen. Die Schülerinnen und Schüler eben auch. Über ein Jahr lang habe ich „Feldforschung“ betrieben, mit Hamburger Schulvertreter*innen gesprochen, mit Gerontolog*innen,  Senior*innen und natürlich immer wieder mit KulturLeben. Schnell wurde deutlich, dass dieses Vorhaben dann doch als eigenständige Initiative in einem größeren Rahmen konzipiert werden musste. So gründete ich für KULTURISTENHOCH2 eine gUG. Heute ist die Stiftung Generationen-Zusammenhalt Trägerin der Initiative.

Bitte erklären Sie uns, was ein Alterssimulationsanzug ist.

Dieser Anzug, eigentlich GERontologischer Testanzug (GERT) genannt, besteht aus  einem Satz einzelner Kompo­nenten wie Gewichten an den Hand- und Fußgelenken, Bandagen zur Simulation von Gelenkversteifungen, Brillen und Schallschutz zur Demonstration typischer altersbedingter Seh- und Hör-Einschränkungen u.v.m. sowie einer 25 kg schweren Weste, die den allgemeinen Kraftverlust im Alter simuliert. Durch das Zusammen­wirken beim Tragen all dieser Komponenten kann ein Effekt erzielt werden, welcher den Einschrän­kungen der sensomotorischen Fähig­keiten im Alter äußerst nah kommt. Insbesondere der alters­bedingte Gang, das veränderte Seh- und Greif­vermögen und der Kraftverlust werden mit dem Alters­simulations­anzug realistisch nach­gebildet.
Bei KULTURISTENHOCH2 nutzen wir den Anzug, um alle teilnehmenden Jugendlichen auf ihre Begleitungen von älteren Menschen bestmöglich vorzubereiten. Wer GERT aus­probiert hat, versteht die Verhaltens­weise älterer Menschen besser, entwickelt Empathie für das Alter und wird auf infrastrukturelle Mängel aufmerksam, die den Älteren (und Menschen mit Behinderung) in unserer Gesellschaft die Teilhabe erschweren. Nach dem fünfstündigen Praxistraining sind die Schüler*innen zunächst sehr erschöpft. Sie berichten uns in der Evaluation des Erlebten, wie sehr sie Mitgefühl antizipieren, nochmals mehr motiviert sind, zu helfen und nach wirksamen Lösungen für Missstände, z.B. im Bereich der Barrierefreiheit, suchen.  

Die Vertical Stiftung fördert eine Personalstelle, die den Workshop „Ambassador“ koordiniert, der an der Hamburg Media School stattfindet und KH2-Tandems motiviert, in sozialen Medien über ihre gemeinsamen Aktivitäten zu berichten. Wichtig ist auch, dass sie lernen, bei Interviews mit Presse und Medien selbstbestimmt zu agieren. Wir hoffen, dass darüber KH2 noch sichtbarer wird. Wie hoch stehen die Chancen, dass die Initiative bald auch in anderen Städten angeboten wird? 

KULTURISTENHOCH2 liegen aktuell fünf konkrete Anfragen für den Transfer in weitere Metropolen Deutschlands vor. Ein Social-Franchise-Vertrag wird noch im ersten Quartal 2020 unterzeichnet und dann starten spätestens im ausgehenden Sommer die operativen Vorbereitungen für die Umsetzungen am zweiten und eventuell sogar auch schon an einem dritten Standort neben Hamburg. Wir freuen uns sehr darauf, das Angebot von KULTURISTENHOCH2 für den Generationenzusammenhalt gegen die Einsamkeit und die Isolation der wachsenden Schar benachteiligter älterer Menschen überall dort zu realisieren, wo die Altersarmut wächst.

 Vielen Dank für das Gespräch!

 

Foto: Michael Pasdzior