Interview mit Christine van Haaren (Berlinische Galerie)

Christine Van Haaeren

Liebe Christine van Haaren, als die Vertical Stiftung mit der Idee gemeinnützige Projekte an eurem Museum zu fördern auf deine Kollegin Ulrike Andres zukam, hat sie sofort an die Bildungsabteilung gedacht und du hast dich dann als erstes dafür eingesetzt, dass die freiberuflich tätigen Kunstvermittler*innen Raum für Austausch und Vernetzung bekommen. Warum war dir das so wichtig?

Alle Bildungsprogramme an der Berlinischen Galerie werden von freiberuflich arbeitenden Mitarbeiter*innen durchgeführt. Sie werden durch unsere Partner Jugend im Museum und dem Museumsdienst Berlin beauftragt. Die Formate sind dabei sehr unterschiedlich und reichen von Führungen über Workshops mit Schulklassen bis hin zu Projektwochen, Ferienkursen und regelmäßigen Programmen mit Kindern aus der Nachbarschaft. Unsere freien Mitarbeiter*innen, darunter Künstler*innen, Kunsthistoriker*innen, Architekt*innen u.v.m., arbeiten sehr engagiert mit den Besucher*innen des Museums zusammen, entwickeln tolle Ideen, lesen sich in die Themen der Ausstellungen ein, kennen sich aus in den Diskursen und fordern die Besucher*innen zum Austausch über die Kunst heraus. Es ist eine sehr intensive und anspruchsvolle Arbeit. 
Die Qualität der Programme an der Berlinischen Galerie steht und fällt mit dem Einsatz der freien Mitarbeiter*innen. Aus diesem Grund versuchen wir schon immer, sehr eng mit ihnen zusammen zu arbeiten, sie gut zu informieren und nötige Materialien zur Verfügung zu stellen. Bisher stehen nur selten Ressourcen zur Verfügung, um die Arbeit nachzubereiten und regelmäßig gemeinsam auszuwerten. Das ist jedoch ganz wesentlich für eine gute Bildungsarbeit. Es braucht Raum, um Erfahrungen zu teilen und sich auszutauschen. Außerdem haben wir bemerkt, dass es einen Bedarf gibt, sich über das Selbstverständnis der Bildungsarbeit an der Berlinischen Galerie zu verständigen und dieses zu reflektieren. Also die Frage zu stellen, mit welcher Haltung gestalten wir die Programme, wie begegnen wir Teilnehmer*innen? Wie positioniert sich der Bereich Bildung im Gesamtgefüge des Museums und zu den Besucher*innen? 

Für mich sind das maßgebliche Fragen, die diskutiert werden müssen. In den meisten Förderprogrammen und Finanzierungsmodellen ist das jedoch nicht mitgedacht. In der Regel sind die Personen allein im Feld unterwegs und als Selbstständige oft auch auf sich gestellt. Ich glaube, dass so ganz viel Wissen verloren geht, das für eine gute Bildungsarbeit wichtig wäre. Daher wünsche ich mir schon lange eine Möglichkeit, dass wir uns regelmäßig mit den freien Vermittler*innen treffen und diese Treffen dann auch für alle bezahlte Arbeitszeit sind. 
Ich wollte eine Möglichkeit haben, dass wir uns bewusst zu inhaltlichen Fragen austauschen können und wo es nicht um organisatorische Fragen geht, wie so oft.

Welches sind aktuell die zentralen Themen, mit denen sich die freien Kunstvermittler*innen bei den Reflexionstreffen beschäftigen?

Zuerst möchte ich generell einmal sagen, dass wir zu den Reflexionstreffen sehr positives Feedback von den freien Kunstvermittler*innen bekommen. Alle betonen, wie wichtig sie finden, dass es (bezahlte) Zeit gibt, um sich intern auszutauschen.Außerdem empfinden es die meisten als Wertschätzung ihrer Arbeit. 
Ausgangspunkt für die Treffen war das Bedürfnis nach mehr Austausch darüber, wie eine gute Zusammenarbeit in künstlerischen Projekten mit geflüchteten Personen aussehen könnte. Wie geht man mit den strukturellen Ungleichheiten und Machtstrukturen um, beispielsweise in Bezug auf den Aufenthaltsstatus, finanzielle Absicherung, sprachliche Kompetenz, symbolisches und kulturelles Kapital aber auch hinsichtlich von Diskriminierung und Ausgrenzung. Das sind alles sehr komplexe Themen, die in der Regel nur am Rande in einer Kunstinstitution verhandelt werden. 
Wir haben uns dann in den ersten Treffen einem Verständnis von diversitätssensibler Vermittlungsarbeit angenähert. Zum einen über die Klärung von Begriffen wie Intersektionalität, der aus dem schwarzen Feminismus und der Critical Race Theory kommt. Unter Intersektionalität versteht man, dass Diskriminierungskategorien selten isoliert voneinander auftreten. Das heißt: In der Regel ist eine Person nicht nur Frau oder hat eine Behinderung, sondern es gibt Überschneidungen, die miteinander wirken. Das bedeutet: Diese müssen sowohl in ihren Zusammenhängen als auch in ihren Widersprüchen betrachtet werden. Auf der Grundlage von theoretischen Texten, beispielsweise von Carmen Mörsch, diskutieren wir, inwiefern Museen selber Ausschlüsse produzieren. Wer ist davon betroffen und wie kann sich eine kritische Kunstvermittlung dazu positionieren. Wir haben uns verschiedene Ansätze angeschaut, beispielsweise das Konzept des Radical Care anhand des Textes „Crisis in the gallery: Curation and the Praxis of Justice“ von Jaamil Olawale Kosoko. In dem Text geht es unter anderem auch um die Schaffung von Räumen, die es erlauben, dass Deutungshoheiten verschoben werden und eine (Selbst-) Ermächtigung stattfinden kann.

Bei dem Projekt „Museum im Sucher“ besuchen zwei Willkommensklassen (mit Jugendlichen, die kürzlich erst nach Deutschland gekommen sind) und zwei Regelklassen sehr häufig (alle 14 Tage) die Berlinische Galerie. Was passiert, wenn man junge Menschen so oft und über einen Zeitraum von mehreren Jahren ins Museum einlädt?

Das wollten wir auch gerne wissen. Und es sind tatsächlich ganz tolle Prozesse und Entwicklungen in Gang gekommen. Zum einen, und das ist mir sehr wichtig, gab es so eine Chance, dass die Kinder und Jugendlichen eine Beziehung zum Ort, zur Berlinischen Galerie, aufbauen konnten. Sie kennen die Personen, die bei uns arbeiten, kennen die Regeln in einem Kunstmuseum und kennen sich auch mit der Kunst aus. Das sind Voraussetzungen dafür, dass sich die Schüler*innen eigenständig und selbstbestimmt in den Ausstellungsräumen bewegen können. 
Kulturelle Bildung ist zentral für die Arbeit der Berlinischen Galerie. Der Bereich ist in den vergangen Jahren kontinuierlich gewachsen und wurde weiter ausgebaut. Umso mehr freut es uns, dass mit dem Projekt „Museum im Sucher“ ein weiteres langfristig angelegtes Programm realisiert wird. Es ermöglicht, dass Themen sich über einen längeren Zeitraum und unter Mitbestimmung der Schüler*innen entwickeln können. So hat sich eine Schulklasse besonders für das Verhältnis von blinden Personen zu Kunst interessiert. Dies wurde durch die barrierefrei gestaltete Dauerausstellung ausgelöst. Die Kunstvermittler*in hat an mehreren Terminen dazu gearbeitet. Die Schüler*innen haben Experimente zur eigenen Wahrnehmung durchgeführt. Bei einem weiteren Termin war ein blinder Künstler eingeladen, der ganz unmittelbar von sich und seinen Erfahrungen erzählt hat, was eine tolle Begegnung für beide Seiten war. Das wurde unter anderem im Biologieunterricht der Schule begleitet, in dem über die Sinne gesprochen wurde. Für mich ist das ein Beispiel von ganzheitlichem Lernen auf unterschiedlichen Ebenenund über verschiedene Zugänge.
Das Programm erlaubt auch, dass wir ein engeres Verhältnis zu den Schüler*innen aufbauen können.So können wir ausnahmsweise und nur dank der Unterstützung der Vertical Stiftung einem Schüler, der selber auch fotografiert, die Möglichkeit geben, sich hier Fotografien aus den 20er Jahren aus unserer Sammlung anzuschauen, die sonst nicht zu sehen sind.Er hat selbst den Wunsch uns gegenüber geäußert. Mit ein wenig Vorlauf können wir dann organisieren, dass eine Kollegin aus dem Sammlungsbereich Fotografie Zeit hat und für ein Gespräch zur Verfügung steht. Außerdem können wir dank der Unterstützung der Vertical Stiftung ihm auch einen Workshop mit einer professionellen Fotografin ermöglichen. Und so vielleicht ein weiteren Impuls geben, den eigenen künstlerischen Weg weiter zu verfolgen. 

Wie sind die bisherigen Rückmeldungen der Beteiligten zum Projekt „Museum im Sucher“? Was sagen die Schüler*innen, die Kunstvermittler*innen und die Lehrkräfte?

Wir haben jetzt fast ein ganzes Schuljahr hinter uns, und soweit ich weiß, finden alle das Programm gut und wollen unbedingt nächstes Schuljahr weiter machen. In den letzten Monaten hat sich immer besser gezeigt, wie die Kunstvermittler*innen und die Lehrer*innen zusammen arbeiten können. Mittlerweile werden Themen aus dem Museum im Unterricht vorbereitet oder dort auch nachbesprochen. 
Unsere Beobachtung ist außerdem, gerade bei den Willkommensklassen, dass es Schüler*innen gibt, die in der Schule fehlen, aber immer bei den Museumsterminen dabei sind. Anfangs hatten wir das Gefühl, dass besonders die Grundschüler*innen und auch die Schüler*innen aus den Willkommensklassen sehr die Ruhe und die weiten Räume im Museum genießen. Es gibt eine große Bereitschaft, länger an etwas zu arbeiten und sich zu vertiefen. 
Es braucht Zeit, bis sich Abläufe im Museum eingeübt haben. Am Anfang waren wir alle sehr damit beschäftigt, Materialien zu besorgen, Lagermöglichkeiten zu finden und Raumabsprachen zu treffen. Wir haben anfangs auch viel mit den Kolleg*innen im Haus gesprochen, für die es auch eine Veränderung ist, wenn nochmal mehr Schulklassen hier unterwegs sind. Das Programm nimmt verhältnismäßig viele Räume in Anspruch und anfangs gab es da auch mal die Frage "Muss das sein?" oder "Warum braucht ihr schon wieder den Raum?". Das hat sich mittlerweile total gut eingespielt, und wir werden in der Arbeit unterstützt. Ein Kollege aus der Technik hat sogar neue Tische für unseren großen Veranstaltungsraum gebaut, extra für das Programm. 
Außerdem wirkt sich ein solches Programm auch auf das gesamte Museum aus, und wir bekommen Rückmeldung von anderen Besucher*innen. Die Schüler*innen arbeiten oft direkt im Ausstellungsraum. Andere Besucher*innen verfolgen häufig die Gespräche und setzen sich sogar manchmal zu der Gruppe dazu. Ich denke, so wird auch dafür sensibilisiert, dass ein Museum ein Kommunikations- und Begegnungsort für viele ist. Und dass die Fragen und Bedürfnisse von jungen Menschen ebenso Platz haben wie die des klassischen Kunstpublikums. 

Liebe Christine van Haaren, vielen Dank für die interessanten Einblicke. 

Foto: Nora Warmedinger