Interview mit Giogio Paschotta (Campus Rütli)
Seit Beginn des Schuljahres 2025/26 können Schüler_innen am Campus Rütli in Berlin ein neues Angebot für ihre Berufs- und Studienorientierung nutzen. Nina Sedlak-Çınar, die bereits Schulen in Berlin-Mitte betreut, steht seitdem als feste Ansprechpartnerin zur Verfügung - während bestimmter Zeiten vor Ort und zusätzlich (selbst am Wochenende) online oder telefonisch. Ziel ist es, verborgene Potenziale zu erkennen, neue Perspektiven zu eröffnen und bei der Umsetzung beruflicher Visionen zu unterstützen – sei es ein Studium, eine Ausbildung, ein Duales Studium oder ein Freiwilliges Soziales Jahr. Der Ansatz ist ganzheitlich: Nicht nur schulische Leistungen zählen, sondern auch Engagement, Sprachkenntnisse, organisatorische Fähigkeiten, soziale Kompetenzen, Interessen und die besondere Verantwortung, die viele Jugendliche in ihren Familien übernehmen. Dies ermöglicht eine neue Perspektive auf „Talente“ jenseits von Schulnoten. Vor allem für Jugendliche, die sich mit wenig Unterstützung aus dem Elternhaus informieren wollen oder müssen, wurde dieses Projekt 2011 an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen konzipiert. Immer noch werden dort die mittlerweile bundesweit tätigen Talentscouts geschult, während das Förderprojekt nun am Zentrum für Talentförderung in NRW am Ministerium für Kultur und Wissenschaft angesiedelt ist. Georgio Paschotta war es als Oberstufenkoordinator am Campus Rütli wichtig, ein Programm wie Taletnscouting vor Ort zu haben.
Lieber Herr Paschotta, es gibt viele Programme, die Berufs- und Studienorientierung anbieten, warum ist es Ihnen so wichtig, ausgerechnet das Projekt „Talentscouting“ für die Schüler_innen Ihrer Schule zugänglich zu machen?
In der Tat gibt es viele Programme, die Berufs- und Studienorientierung anbieten. Ich kann und möchte nicht über die Vielzahl der Angebote ein Urteil fällen, ich kann allerdings festhalten, dass es auch schon jetzt gute Angebote gibt: Beispielsweise gibt es Berufsmessen, bei denen die Schülerinnen und Schüler feste Termine mit Ansprechpartnern erhalten können, um passgenau ihre Fragen stellen zu können. Das ist gut. Meines Erachtens gibt es nur einen kriterialen Unterschied zu den Talentscouts, denn ein Aspekt kommt bei vielen Angeboten zu kurz: Die Nachhaltigkeit. Die Nachhaltigkeit einer gelungenen Berufs- und Studienorientierung hängt meines Erachtens auch davon ab, über welchen Zeitraum Schülerinnen und Schüler bei ihren Entscheidungen, Überlegungen, Zweifeln, offenen Fragen usw. begleitet werden. Und genau hier sehe ich die Talentscouts vielen Programmen als überlegen an. Die SuS sind vielleicht noch gar nicht an dem Punkt, mit dem einen oder der anderen Personalerin zu sprechen, da sie selbst noch unsicher sind, wohin die Reise gehen soll. Das beinhaltet auch die Schwierigkeit für viele Schülerinnen und Schüler, die eigenen Stärken und Interessen zu erkennen. Hier weisen die Schulen strukturell eine Lücke auf, die durch die Talentscouts geschlossen werden kann. Es kann auch sein, das vorhandene Stärken von Unsicherheiten überlagert sind, die der subjektiven Entwicklung im Wege stehen. Auch hier sind die Talentscouts überaus bedeutsam. Ein anderer andere Aspekt ist die Niederschwelligkeit der Kontaktaufnahme. Damit meine ich, dass das Programm hier vor Ort angeboten wird und über den Austausch von Telefonnummern oder E-Mail-Adressen sehr niederschwellig kommuniziert werden kann. Hinzu kommt auch, dass sich über die Zeit eine persönliche Beziehung entwickelt, die meines Erachtens eine tragfähige Grundlage für eine erfolgreiche Berufs- und Studienberatung bietet, und zwar ungleich mehr als bei einem eher kurzfristig angelegten Beratungsprozess. Auch waren natürlich die Evaluationen des Talentscoutprogramms für mich wichtig, da ich so sichergehen konnte, es hier mit einem Programm zu tun zu haben, welches nachweisbar Wirkung entfaltet.
Was sind Ihrer Beobachtung nach Weichen, die während der Oberstufenzeit gestellt werden müssen, damit Schüler_innen nach ihrer Schulzeit ihren Weg finden?
Wenn ich an dieser Stelle noch über weitere Weichen sprechen könnte, dann würde ich gerne den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eröffnen, das Beratungsangebot mit den Talentscouts zu stärken, also in einer engeren Taktung Gespräche zu ermöglichen und zweitens den Horizont dahingehend zu erweitern, dass man vielleicht in der 11. oder 12. Klasse Zeiträume für ein Praktikum schafft. Ich könnte mir vorstellen, dass dies wichtig wäre, um bei manchen überhaupt eine Zielsetzung zu entwickeln, wohin der einzelne überhaupt möchte. Man könnte sich auch überlegen, ob sich das Talentscout-Angebot in der Schule auch weitergehend so etabliert, dass Universitätsworkshops oder andere Veranstaltungen an Hochschulen vorbereitet und daran gemeinsam teilgenommen werden könnte.
Welche neuen Erfahrungen nehmen Sie persönlich durch den Kontakt mit den Talentscouts für Ihre Arbeit an einer Schule mit?
Ich nehme als neue Erfahrung mit, dass sich bereits sehr schnell bei einigen Schülerinnen und Schülern Interesse an diesem Programm gezeigt hat. Ich nehme auch als Erfahrung mit, dass es offenkundig etwas Zeit braucht, bis das Programm im Schulhaus bekannt wird. Wir steuern hier aktuell gegen, indem Nina einzelne Kurse besucht, um sich (erneut) vorzustellen. Ich persönlich nehme es als einen so genannten Lückenschluss wahr, als einen wichtigen Lückenschluss zwischen den Angeboten mit der Jugendberufsagentur und dem Besuchen von Messen oder universitären Veranstaltungen. Ich habe den Eindruck, dass hier gerade ein qualitativer Sprung gemacht wird (siehe oben).